{"id":9102,"date":"2021-06-01T14:36:18","date_gmt":"2021-06-01T12:36:18","guid":{"rendered":"https:\/\/centre-francais.de\/?p=9102"},"modified":"2021-06-04T11:57:16","modified_gmt":"2021-06-04T09:57:16","slug":"rueckblick-auf-die-kritische-reise-im-cfb-20-28-mai-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/rueckblick-auf-die-kritische-reise-im-cfb-20-28-mai-2021\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick auf die Kritische Reise im CFB | 20-28 Mai 2021"},"content":{"rendered":"<p><strong>Endlich angekommen. Die &#8222;Kritische Reise&#8220; durch das Theatertreffen, das Berliner Performing Arts Festival und das Festival PERSPECTIVES ist letzten Donnerstag, den 28. Mai 2021, zu Ende gegangen. Sieben Tage lang besetzte eine zw\u00f6lfk\u00f6pfige Delegation aus deutsch- und franz\u00f6sischsprachigen Theaterliebhaber\u00b7innen das Centre Fran\u00e7ais de Berlin in freiwillig gew\u00e4hltem &#8222;kulturellen Lockdown&#8220;, um gemeinsam jeden Tag St\u00fccke per Live\u00fcbertragung auf der Kinoleinwand des CFB anzuschauen und sie anschlie\u00dfend zu beleuchten, ergr\u00fcnden und besprechen. W\u00e4hrend drau\u00dfen die Theater langsam ihre Tore wieder \u00f6ffneten, praktizierte diese internationale Zuschauergruppe einen bemerkenswerten Akt der kreativen Belastbarkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie vom Newsletter per Klick hierhergekommen sind, dann erstmal herzlich willkommen! Wenn nicht, dann ist das auch gut. Ich hoffe, da\u00df der Lesegenuss in beiden F\u00e4llen nicht entt\u00e4uschen wird. Es ist Ende Mai, die Tage werden immer l\u00e4nger und zw\u00f6lf bis f\u00fcnfzehn der Kultur zugeneigten Personen essen, schlafen, sehen Theaterst\u00fccke, sprechen \u00fcber Theaterst\u00fccke, zusammen, an demselben Ort. Sieben Tage lang gehen sie kaum vor die T\u00fcr, sie treffen keine anderen Personen, haben keine Zeit f\u00fcr etwas anderes als das Geschehen auf der B\u00fchne. Seit einem Jahr und drei Monaten geht ein Virus durch die Welt, dem bis dato 153.555.317 Menschen in sich getragen haben, und an dem 3.561.447 gestorben sind. Stand 31. Mai 2021 laut <a href=\"https:\/\/www.worldometers.info\/coronavirus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.worldometers.info\/coronavirus\/<\/a>. Ich, die Journalistin, die die &#8222;kritische Reise&#8220; in Worten begleitet, bin der einzige Mensch, dem der Zugang zu diesem exklusiven Stelldichein gew\u00e4hrt wird.<\/p>\n<p>Aber nun nochmal von vorne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endlich angekommen.<\/strong><\/p>\n<p>Was hei\u00dft das? Das hei\u00dft, da\u00df die Reise zwar keine Strecke in Form von Kilometern umfasste, sondern innerlich, in den Geistern der Teilnehmer\u00b7innen stattfand. Vielleicht war sie deswegen besonders erm\u00fcdend und erkl\u00e4rt somit das &#8222;endlich&#8220; im Satz. \u00dcber die Tage machte sich ein Hauch von Ersch\u00f6pfung, ein Hauch von Anstrengung breit. &#8222;Warum?&#8220;, mag man sich fragen. Wir leben in au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zeiten, wo wir die gew\u00f6hnlichen Dinge, wie das soziale Miteinander, die ununterbrochene Auseinandersetzung mit anderen physischen Wesen verlernt haben, ja sogar mit unterschwelliger Gefahr verbinden. Mehr dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter im Text.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die &#8222;Kritische Reise&#8220; durch das Theatertreffen, das Berliner Performing Arts Festival und das Festival PERSPECTIVES ist letzten Donnerstag, den 28. Mai 2021, zu Ende gegangen. <\/strong><\/p>\n<p>Ausgestattet mit einem eigens f\u00fcr den Anlass zusammengestellten Din-A-4-Programmheft warfen sich die Teilnehmer\u00b7innen ins Gefecht. Auf den ersten Seiten \u2013 immer in beiden Sprachen, Franz\u00f6sisch und Deutsch, versteht sich \u2013 wurden die drei Festivals, d.h. das Berliner Theatertreffen, das Performing Arts Festival Berlin und das Festival PERSPECTIVES in Saarbr\u00fccken und in der franz\u00f6sischen Moselregion vorgestellt. Dann kam eine chronologisch angelegte Liste an ausgew\u00e4hlten St\u00fccken, die die Gruppe sehen w\u00fcrde. Auf jede Pr\u00e4sentation eines St\u00fccks folgte ein Katalog an Fragen mit Leerzeilen zum Ausf\u00fcllen, eingeteilt in Kategorien: &#8222;Vor dem St\u00fcck&#8220;, &#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220;, &#8222;Nach der Diskussion&#8220;, &#8222;L\u00e4nger danach&#8220;, &#8222;Notizen&#8220;. Mehr dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter im Text.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sieben Tage lang besetzte eine zw\u00f6lfk\u00f6pfige Delegation aus deutsch- und franz\u00f6sischsprachigen Theaterliebhaber\u00b7innen das Centre Fran\u00e7ais de Berlin in freiwillig gew\u00e4hltem &#8222;kulturellen Lockdown&#8220;, um gemeinsam jeden Tag St\u00fccke per Live\u00fcbertragung auf der Kinoleinwand des CFB anzuschauen und sie anschlie\u00dfend zu beleuchten, ergr\u00fcnden und besprechen.<\/strong><\/p>\n<p>Warum habe ich das Wort &#8222;besetzen&#8220; in dem Satz verwandt? Waren die Kulturliebhaber\u00b7innen am 19. Mai 2021 im federbauschverzierten Harnisch, Lanze und Schild angeritten, um das Ch\u00e2teau Fran\u00e7ais de Berlin mit gro\u00dfer Geste einzunehmen und es sich dann im Kinoraum vor dem Theaterbildschirm mit Met und Schweineschenkel gem\u00fctlich zu machen? Nein, so war es nicht. Aber &#8222;besetzen&#8220; ist ein Verb, das Aktion und Eigeninitiative beschreibt, sogar Enteignung einerseits, aber auch Neunutzung anderseits andeutet. Lukas, Amos, Camille und alle anderen hatten selbst gew\u00e4hlt, das CFB zur Hochburg ihres Kulturgenusses zu machen und es f\u00fcr ihre Zwecke zu nutzen, fernab des viralen Trubels, dem man sich heutzutage so selten entziehen kann. Es war ein &#8222;empowernder&#8220; Akt, in dem sie \u2013 die Zuschauer\u00b7innen \u2013 eine klare Ansage gemacht hatten: wir wollen Kultur erleben, und zwar auch zu Pandemiezeiten. Und nicht nur das: wir wollen auch dar\u00fcber reden, und nicht in unserem K\u00e4mmerlein allein unseren Gedanken \u00fcber das Gesehene nachh\u00e4ngen. Mehr zum K\u00e4mmerlein sp\u00e4ter.<\/p>\n<div id=\"attachment_9079\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9079\" class=\"size-large wp-image-9079\" src=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-02-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-02-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-02-300x225.jpg 300w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-02-768x576.jpg 768w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-02-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-02-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-9079\" class=\"wp-caption-text\">Einblick in die Wochenplanung<br \/>\u00a9 Lea Pischke<\/p><\/div>\n<p>Weiter im Text.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend drau\u00dfen die Theater langsam ihre Tore wieder \u00f6ffneten, praktizierte diese internationale Zuschauergruppe einen bemerkenswerten Akt der kreativen Belastbarkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe f\u00f6rmlich das Augen-Verdrehen meiner Leserschaft. &#8222;Kreative Belastbarkeit&#8220;, jaja, das Klatschen auf dem Balkon jeden Abend f\u00fcr die \u00fcberarbeiteten Pfleger\u00b7innen, die keinen Heller und Pfennig f\u00fcr ihre &#8222;Belastbarkeit&#8220; gesehen haben. Und so &#8222;kreativ&#8220; war sie ja auch, da\u00df nun mehrere pharmazeutische Konzerne einen Nobelpreis f\u00fcr die Erfindung des Dukatenesels erhalten sollten. Aber nun Schluss mit Zynismus. Als Ende letzten Jahres die &#8222;kritische Reise&#8220; in ihrer Konzeptionsphase war, war das Pandemiegeschehen auch an einem kritischen Zeitpunkt. Deutschland, so wie viele andere L\u00e4nder auch, schwamm auf der dritten Post Feiertagsinfektionswelle, es gab Probleme mit der Lieferung der Impfstoffe und die erste Mutante hielt ganz England in Schach. Hinzu kam die brasilianische, dann die s\u00fcdafrikanische Variante, sowie viele weitere mehr.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Kontakt zu Menschen sollte auf ein Minimum reduziert werden. Wenn Kontakt dennoch aufkam, galt es, einen Abstand von mindestens anderthalb Metern einzuhalten. Eine medizinische Maske mu\u00dfte vor dem Mund und die Nase gespannt werden, damit der Atem samt Tr\u00f6pfchen nicht auf dem Gegen\u00fcber landet. Geschlossene R\u00e4ume mit geringer Temperatur helfen bei der Ausbreitung des Virus im Gegensatz zum \u00f6ffentlichen, sonnendurchfluteten Raum. Die physische Pr\u00e4senz eines menschlichen K\u00f6rpers war also \u2013 und ist bisweilen noch \u2013 die Verk\u00f6rperung von einem Krankheitsrisiko schlechthin.<\/p>\n<div id=\"attachment_9083\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9083\" class=\"size-large wp-image-9083\" src=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-01-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-01-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-01-300x225.jpg 300w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-01-768x576.jpg 768w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-01-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-01-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-9083\" class=\"wp-caption-text\">Der unentbehrliche Covid-Schnelltest<br \/>@Lea Pischke<\/p><\/div>\n<p>Warum schreibe ich das? Wir wissen doch alles.<\/p>\n<p>Ich schreibe dies, weil es sich hier um einen Blog handelt, der digitalen Enkelin des Log-Buches, in das auf Schiffsreisen vor hunderten von Jahren der Kapit\u00e4n t\u00e4glich Eintr\u00e4ge \u00fcber den Fortgang der Reise machte. Vielleicht wird sich Jahrzehnte sp\u00e4ter eine deutsch-franz\u00f6sische Kulturwissenschaftlerin \u00fcber diesen Text beugen und ben\u00f6tigt die Hintergr\u00fcnde, vor denen dieser Text entstanden ist. Und ich mache diesen Exkurs auch, damit meine geneigte Leserschaft Folgendes versteht:<\/p>\n<p>In diesem Ambiente der totalen Unsicherheit hatte sich das Team vom Centre Fran\u00e7ais de Berlin zu einem Wagnis entschlossen: trotz der H\u00fcrden eine Gruppe von Menschen zu organisieren, die gemeinsam, mit Haut und Haaren sozusagen, Theater erleben sollte. Und ihre Strategie kann man nicht anders als mit &#8222;kreativ&#8220; umschreiben: sie bildeten sich selbst zu Testpfleger\u00b7innen aus, um jeden Tag die gesamte Delegation aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, der Schweiz, \u00d6sterreich und Israel per Antigen-Test zu testen. Zu dem Zeitpunkt der Planung war Pr\u00e4senztheater noch verboten, es gab also nur die M\u00f6glichkeit, Theaterst\u00fccken als Videolive\u00fcbertragung beizuwohnen.<\/p>\n<p>Was machte das CFB? Es legte die Videolive\u00fcbertragung einfach ins eigene Kino, so da\u00df alle Teilnehmer\u00b7innen gemeinsam in einem Publikumsraum die kollektive Erfahrung der gespielten St\u00fccke erleben konnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_9088\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9088\" class=\"wp-image-9088 size-large\" src=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-03-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-03-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-03-300x169.jpg 300w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-03-768x432.jpg 768w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Kritische-Reise-03.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-9088\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot der Online-Auff\u00fchrung von \u00ab NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+ \u00bb von Marie Schleef, Ballhaus Ost Berlin. Schauspielerin: Anne Tismer<\/p><\/div>\n<p>Ende Text.<\/p>\n<p>Anfang von den &#8222;mehr dazu sp\u00e4ter&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ja, die au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zeiten, wo wir die gew\u00f6hnlichen Dinge, wie das soziale Miteinander, die ununterbrochene Auseinandersetzung mit anderen physischen Wesen verlernt haben, ja sogar mit unterschwelliger Gefahr verbinden.<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Leserschaft, liebe deutsch-franz\u00f6sische Kulturwissenschaftlerin aus dem Jahr 2054. Wir alle genie\u00dfen zum gr\u00f6\u00dften Teil die Gesellschaft anderer Menschen. Aber leider k\u00f6nnen uns zur Zeit die Menschen krank machen, oder wir sie. Wir k\u00f6nnten sogar an der Krankheit sterben, oder sie, oder wir beide. Aber wir wollen doch so gerne mit Menschen sein! Und wir sind es gerade auch, schauen uns Theaterst\u00fccke an. Doch jeden Tag wird uns ein Wattestab in die Nase geschoben, um nachzuschauen, ob es schon da ist, das Virus. Und jeden Tag zittern wir f\u00fcnfzehn Minuten lang, und wissen nicht, ob wir aus der exklusiven Gesellschaft der Theaterliebhaber\u00b7innen ausgesto\u00dfen werden, um uns beim hiesigen Gesundheitsamt zu melden oder uns Tage sp\u00e4ter vielleicht in der Beatmungsstation eines Krankenhauses wiederzufinden. Dagegen ist eine Eliminierung von Secret Story oder Big Brother wirklich Kinderkappes.<\/p>\n<p>Liebe Leserschaft, liebe deutsch-franz\u00f6sische Kulturwissenschaftlerin aus dem Jahr 2054, ich frage Sie: w\u00fcrde das so spurlos an Ihnen vorbeigehen? Nimmt es da wunder, da\u00df so manch ein\u00b7e Teilnehmer\u00b7in Schwierigkeiten hat, im Stuhlkreis einen Fragenkatalog zu besprechen, da\u00df sie, oder er sich lieber in die vier W\u00e4nde ihrer, seiner privaten Psyche verziehen m\u00f6chte, so wie wir es \u2013 und mit uns Millionen anderer Menschen auch \u2013 \u00fcber die letzten f\u00fcnfzehn Monate trainiert haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auf jede Pr\u00e4sentation eines St\u00fccks folgte ein Katalog an Fragen mit Leerzeilen zum Ausf\u00fcllen, eingeteilt in Kategorien: &#8222;Vor dem St\u00fcck&#8220;, &#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220;, &#8222;Nach der Diskussion&#8220;, &#8222;L\u00e4nger danach&#8220;, &#8222;Notizen&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Der Fragenkatalog. Die Kursleiter Mathieu Huot und Thomas Kellner \u2013 der Erste ist Regisseur und der Zweite Schauspieler \u2013 hatten ihn ersonnen, um den Teilnehmer\u00b7innen an der kritischen Reise ein Werkzeug an die Hand zu geben, mittels welchem sie ihre Eindr\u00fccke und Gedanken einordnen und den anderen mitteilen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da die Methode darauf angelegt ist, das individuelle Theatererlebnis m\u00f6glichst genau wieder- und im Anschluss in den Austausch mit den anderen Teilnehmer\u00b7innen zu \u00fcbergeben, beginnen die Sprechparts der Teilnehmer\u00b7innen notgedrungenerma\u00dfen mit &#8222;Ich&#8220;. F\u00fcr viele war dies ein gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftiges Prozedere. Sie konnten sich nicht in Verallgemeinerungen fl\u00fcchten, sie mussten bisweilen Farbe bekennen oder die Maschinerie ihrer ganz pers\u00f6nlichen Theaterrezeption den anderen gegen\u00fcber preisgeben. Es wirkte bisweilen wie eine etwas starre &#8222;theaterwissenschaftliche Psychoanalyse&#8220;, schien aber als Mittel zum Zweck durchaus zu funktionieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_9095\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9095\" class=\"size-large wp-image-9095\" src=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/signal-2021-05-27-171254-1024x623.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"623\" srcset=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/signal-2021-05-27-171254-1024x623.jpeg 1024w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/signal-2021-05-27-171254-300x182.jpeg 300w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/signal-2021-05-27-171254-768x467.jpeg 768w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/signal-2021-05-27-171254-1536x934.jpeg 1536w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/signal-2021-05-27-171254.jpeg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-9095\" class=\"wp-caption-text\">Die Teilnehmer\u00b7innen genie\u00dfen gemeinsam diese au\u00dferordentliche Theatererfahrung im Kino des CFBs<br \/>@ Maxime Castanier<\/p><\/div>\n<p><strong>Und nicht nur das: wir wollen auch dar\u00fcber reden, und nicht in unserem K\u00e4mmerlein allein unseren Gedanken \u00fcber das Gesehene nachh\u00e4ngen. Mehr zum K\u00e4mmerlein sp\u00e4ter.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ungew\u00f6hnlich, da\u00df sich das Publikum eines Theaterst\u00fccks immer aus denselben Personen zusammensetzt. Eigentlich bleibt \u00fcber eine Spielzeit hinweg das St\u00fcck das gleiche, aber das Publikum wechselt sich jeden Abend aus. Hier am Centre Fran\u00e7ais de Berlin war es umgekehrt.<\/p>\n<p>Auf immer demselben Bildschirm des CFB &#8211; Kinos flammte eine Vielzahl an Theaterlive\u00fcbertragungen f\u00fcr immer dieselbe Gruppe auf: das pathosgeladene &#8222;Reich des Todes&#8220;, gespielt vom Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg unter der Regie von Rainald Goetz zum Beispiel, oder &#8222;NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+&#8220; von Marie Schleef, ein sechsst\u00fcndiger Marathon durch die nirgends erw\u00e4hnten Errungenschaften von Frauen in der Welt, oder auch \u2013 pa-tam, pa-tam, pa-tam \u2013 die einem YouTube-Video \u00e4hnelnde Soloperformance von Arne Vogelsang, der mit freundlicher Tutoriumsstimme seine Hilflosigkeit gegen\u00fcber dem Klimawandel kundtut. Oft ist das Publikum eine dunkle, anonyme Masse, die vielleicht in einem Publikumsgespr\u00e4ch seine Meinung kundtut, oder sp\u00e4ter an der Bar des Foyers den Freund\u00b7innen gegen\u00fcber. Niemand ist dazu gezwungen. Man kann auch einfach nach Hause gehen und sp\u00e4ter, auf dem Klo oder in zwei Jahren, \u00fcber das St\u00fcck nachdenken. Oder auch nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Corona-Pandemie erlebte das digitale Theater seine Bl\u00fctezeit: hier hatte das Publikum die Wahl: es konnte total vereinzelt sein, einfach live zuschauen, oder das Video auf dem heimischen Digitalger\u00e4t zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt abspielen. Weder ein R\u00e4uspern noch ein leichter Parf\u00fcmwind aus dem ersten Rang verr\u00e4t den Schauspieler\u00b7innen ihre Pr\u00e4senz. Andererseits gibt es beim digitalen Theater auch den sehr immersiven Aspekt der Telekonferenz, wo vom Haaransatz bis zum Brustkorb die Zuschauenden sicht- und h\u00f6rbar gemacht werden.<\/p>\n<p>Zwar sind sie in ihrem stillen K\u00e4mmerlein, daheim und scheinbar gesch\u00fctzt, aber doch nicht vor einem m\u00f6glichen, sehr direkten Frage-Antwort-Spiel mit den Schauspieler\u00b7innen sicher, wo obendrein auch noch \u2013 peinlich, peinlich \u2013 die Kollektion der Star Wars Figuren auf dem Regal im Hintergrund zu sehen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das K\u00e4mmerlein ist aber nicht nur eine physische Angelegenheit, sondern auch eine der Bereitschaft zur Teilnahme. Wenn man sich dazu bereiterkl\u00e4rt, f\u00fcr sieben Tage nur Theaterst\u00fccke anzuschauen und anderen seine Sicht der Dinge \u00fcber besagte Theaterst\u00fccke kundzutun, dann mu\u00df man die T\u00fcr zum K\u00e4mmerlein seiner Privatsph\u00e4re schon weit aufsto\u00dfen. Es ist eher selten, wenn das Publikum der Komischen Oper in Berlin nach einer Auff\u00fchrung von &#8222;Orpheus aus der Unterwelt&#8220; gemeinsam ins Hotel geht und sich Wand an Wand schlafen legt, um dann morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck alle Akte der Oper f\u00fcr zwei Stunden intensiv zu besprechen. Eben das hat die Delegation der &#8222;kritischen Reise&#8220; getan. Da\u00df es da kritische Momente, aber auch Momente der Erkenntnis gab, scheint gewisserma\u00dfen Teil des Spiels zu sein.<\/p>\n<div id=\"attachment_9099\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9099\" class=\"size-large wp-image-9099\" src=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/image-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/image-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/image-300x225.jpeg 300w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/image-768x576.jpeg 768w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/image-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/centre-francais.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/image.jpeg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-9099\" class=\"wp-caption-text\">Austausch zwischen den Teilnehmenden<br \/>\u00a9 Julia Cozic<\/p><\/div>\n<p>Liebe Leserschaft, liebe deutsch-franz\u00f6sische Kulturwissenschaftlerin aus dem Jahr 2054, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Sie m\u00f6gen nun sagen: &#8222;Ja, aber was ist mit all den St\u00fccken? Ich lese hier garnichts von den St\u00fccken! Und was ist mit dem Publikumstreffen?&#8220;. Ich werde dar\u00fcber berichten, in einem weiteren Blog-Eintrag, vielleicht in einem Artikel, vielleicht in einem Essay. Aber mir war es wichtig, da\u00df Sie verstehen, da\u00df das, was das Centre Fran\u00e7ais de Berlin hier angestellt hat, wirklich ein politischer und sozialer Balanceakt zu Ehren der Kultur war.<\/p>\n<p>Wissen Sie, warum ich erst einen Tag sp\u00e4ter zur &#8222;kritischen Reise&#8220; getroffen bin? Weil ich selbst auf der anderen Seite des Landes war, und erst einmal nach Berlin zur\u00fcckreisen musste. Ich hatte dem Begr\u00e4bnis einer lieben Person beigewohnt. Er war an Corona verstorben. Er war einer der langj\u00e4hrigsten Dolmetscher f\u00fcr Franz\u00f6sisch, Deutsch und Englisch der Europ\u00e4ischen Union und einer der besten Freunde meines Vaters.<\/p>\n<p>Und wissen Sie, warum zwei Leute die &#8222;kritische Reise&#8220; &#8211; Delegation fr\u00fcher verlassen haben? Weil mit der \u00d6ffnung der Theater am 19. Mai in Berlin der Druck auf Theaterschaffende sehr gro\u00df war, sofort an die B\u00fchnen zur\u00fcckzukehren und das nicht verdiente Geld von 2020 wieder zu verdienen.<\/p>\n<p>Wissen Sie auch, da\u00df zeitgleich zur &#8222;kritischen Reise&#8220; ein Antrag auf ein Schengen-Visum f\u00fcr meine B\u00fchnenkollegen aus Afrika lief, um an einer Produktion in Berlin im Mai und Juni dieses Jahres teilzunehmen, es ihnen aber aufgrund des Pandemiegeschehens verwehrt wurde, und dies dazu f\u00fchrt, da\u00df nun eine seit drei Jahren geplante Produktion wieder in eine unsichere Zukunft geschoben wird?<\/p>\n<p>Und wissen Sie, warum ich diesen Text mit einer Versp\u00e4tung von einem Tag schreibe: weil ich letzten Samstag die erste der insgesamt zwei Corona-Impfungen erhalten habe, die mich f\u00fcr 72 Stunden in ein Delirium der Pseudogrippe geschickt hat, in dem ich in Hockerstellung im Bett vor mich hinwimmerte, weil mir trotz eingenommener Ibuprofen s\u00e4mtliche Muskelfasern zum Schreien wehtaten.<\/p>\n<p>Nein, liebe Leserschaft und liebe Kulturwissenschaftlerin, es geht mir nicht um Mitleid. Aber jetzt wissen Sie, warum dieser Blog etwas anders ist als ein \u00fcblicher Blogeintrag aus dem Jahr 2019. Vielleicht verstehen Sie nun, warum ich mir die sehr subjektive Haltung herausnehme, die abgesehen von einem Feuilleton einer Journalistin, einem Journalisten, eigentlich nicht zusteht. Aber so wie das Ergr\u00fcnden von Theaterst\u00fccken eine hochpers\u00f6nliche Angelegenheit ist, die man nicht unbedingt gerne mit anderen teilt, so ist die Betrachtung der betrachtenden Zuschauer\u00b7innen auch die hochpers\u00f6nliche Angelegenheit einer Journalistin im Kulturbereich, die das Publikum braucht, um den Puls eines St\u00fccks zu erfassen. Aber mehr dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Lea Pischke<\/p>\n<p><em>Dieses Projekt wurde durch die F\u00f6rderung <\/em>Digitial ganz nah<em> des DFJW gef\u00f6rdert. In Partnerschaft mit <a href=\"https:\/\/plateforme-plattform.org\/de\/startseite\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">La Plateforme<\/a>, den Festivals Berliner Theatertreffen der Berliner Festspiele, Performing Arts Festival Berlin und PERSPECTIVES.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich angekommen. Die &#8222;Kritische Reise&#8220; durch das Theatertreffen, das Berliner Performing Arts Festival und das Festival PERSPECTIVES ist letzten Donnerstag, den 28. Mai 2021, zu Ende gegangen. Sieben Tage lang besetzte eine zw\u00f6lfk\u00f6pfige Delegation aus deutsch- und franz\u00f6sischsprachigen Theaterliebhaber\u00b7innen das Centre Fran\u00e7ais de Berlin in freiwillig gew\u00e4hltem &#8222;kulturellen Lockdown&#8220;, um&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":9092,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[121],"tags":[],"class_list":{"0":"post-9102","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kultur"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9102"}],"collection":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9102"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9102\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}