{"id":9271,"date":"2021-07-05T13:18:46","date_gmt":"2021-07-05T11:18:46","guid":{"rendered":"https:\/\/centre-francais.de\/?p=9271"},"modified":"2021-07-05T13:19:47","modified_gmt":"2021-07-05T11:19:47","slug":"9271","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/9271\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir treffen uns&#8220; &#8211; das Publikum und die Veranstalterinnen erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist Donnerstag, der 27. Mai 2021. Wir befinden uns im Kinoraum des Centre Fran\u00e7ais de Berlin. Die f\u00fcnfzehnk\u00f6pfige Delegation an deutsch- und franz\u00f6sischsprechenden Teilnehmer*innen an der &#8222;Kritischen Reise durch die Festivals&#8220; bereiten sich auf den H\u00f6hepunkt der Reise vor: Das Publikcumstreffen. Unter der Leitung von Theaterregisseur Mathieu Huot und dem Schauspieler Thomas Kellner wurde ein Konzept entwickelt, um den Rahmen der Zoom-Veranstaltung f\u00fcr alle Dazugeschalteten so anregend wie m\u00f6glich zu gestalten und zu Austausch und Diskussion \u00fcber Schauspiel zu animieren.<\/strong><\/p>\n<p>Ehreng\u00e4ste waren ebenso zugegen: Donald Trump sa\u00df in der dritten Reihe, hinter ihm Vladimir Putin, und ganz vorne, in der ersten Reihe, mit elegantem Schal um den Hals, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, sehr angespannt und vom Bildschirmgeschehen extrem angetan.<br \/>\nDer franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron war etwas versp\u00e4tet, lie\u00df es aber an Formalit\u00e4ten der Begr\u00fc\u00dfung nicht fehlen und sch\u00fcttelte bei Ankunft Merkels Hand in gro\u00dfer Geste.<br \/>\nDer Generalsekret\u00e4r der Partei der &#8222;Arbeit Koreas&#8220; Kim Jong-un auf einem der oberen R\u00e4nge schien am Theatergeschehen nicht sonderlich interessiert zu sein. Er schien mit der Anwendung seines eckigen Charmes bei einer Sitznachbarin vollauf besch\u00e4ftigt.<br \/>\nIrgendwas war passiert, denn mit einem Mal begann die gesamte Gesellschaft zu lachen. Ihre Schultern hoben und senkten sich&#8230;und stupsten dabei die Pappmasken aus dem Laden f\u00fcr Karnevalsartikel auf ihren Gesichtern an.<\/p>\n<p>Auf dem Zoom-Bildschirm der Delegation sah man die aufsteigenden roten Pl\u00fcschsitzreihen des Kinosaals, in denen die illustren G\u00e4ste in gro\u00dfer Geste ihre Beteiligung am Theatergeschehen mimten.<\/p>\n<p>Nach der kleinen Performance widmete sich das Publikcumstreffen den &#8222;weniger dotierten&#8220; Mitgliedern der Gesellschaft.<br \/>\nMehrere Gesichter in Kachelansicht der Zoom-Konferenz. Manche sind beruflich mit Schauspiel verbunden, andere sind Bekannte der deutsch-franz\u00f6sischen Delegation und Besucher*innen von Theaterveranstaltungen.<\/p>\n<p>Camille von der deutsch-franz\u00f6sischen Delegation fragt in die Runde: &#8222;Was war euer sch\u00f6nstes Theatererlebnis?&#8220;<br \/>\nJemand aus der Delegation beginnt zu erz\u00e4hlen: Mit einem Laster wurde das Publikum durch eine Stadt im Ruhrgebiet gefahren. Der Laster blieb manchmal stehen, hob die Plane, so da\u00df die auf der Ladefl\u00e4che sitzenden Zuschauer*innen einen Blick auf die Au\u00dfenwelt werfen konnten. Diese Au\u00dfenwelt wurde zum Theater. Der Rahmen der B\u00fchne war das Planengestell des Lasters. Er sa\u00df auch auf dem Laster und stellte mit Verwunderung fest, wie mit diesem einfachen Mittel sein Blick, seine Wahrnehmung ge\u00e4ndert worden war.<br \/>\nEine Frau berichtet \u00fcber ein St\u00fcck in M\u00fchlhausen, in dem das Publikum von einem Schauspieler durch die Stra\u00dfen gef\u00fchrt wurde. Zwischendurch machten sie Station, um dem Schauspieler bei Szenen mit anderen Schauspieler*innen, direkt auf der Stra\u00dfe gespielt, zuzuschauen.<br \/>\nEin dritter erz\u00e4hlt von einem Tanzst\u00fcck bei dem Berliner Festival &#8222;Tanz im August&#8220;, das ihm bis ins Mark gedrungen ist, so, wie er es nie in einem Theaterst\u00fcck erlebt h\u00e4tte. Eine Frau erinnert sich an die erste Theatervorstellung ihres Lebens, &#8222;Peter Pan&#8220;, als Kind. Die schiere Freude, den Figuren aus dem Buch &#8222;in echt&#8220; zu begegnen, ihnen Fragen stellen zu k\u00f6nnen, sie anzufassen!<\/p>\n<p><em><strong>Es gibt mehrere Formen der Interaktion im Theater: die Interaktion zwischen den Schauspieler*innen zum Beispiel, oder die Interaktion zwischen den Schauspieler*innen und den Zuschauer*innen, und auch die Interaktion zwischen den Zuschauer*innen untereinander.<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>Letztere ist die am wenigsten betrachtete, obwohl sie zeitlich am l\u00e4ngsten von allen w\u00e4hrt: sie kann vor einem Theaterst\u00fcck, w\u00e4hrend eines Theaterst\u00fccks und auch nach einem Theaterst\u00fcck stattfinden.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Corona-Pandemie hat den Prozess der Vereinzelung in der Gesellschaft vorangetrieben. Kulturveranstaltungen waren monatelang eingestellt worden, es gab den damit verbundenen sozialen Austausch unter den Menschen nicht. Kultur konnte zwar nach wie vor \u00fcber digitale Kan\u00e4le genossen werden, aber der Aspekt des &#8222;Dar\u00fcber-Redens&#8220;, mit der Begleitung zu einer Veranstaltung beispielsweise, fand nicht statt. Der Kulturgenu\u00df war auch vereinzelt worden.<\/p>\n<p>Doch das Erlebte wird oft umso reicher, umso tiefgreifender, wenn es in einer Gruppe rezipiert wird, wenn eine Vielzahl an Perspektiven und subjektiven Wahrnehmungen zusammenkommt und untereinander korrespondiert. Erst dann werden wir unser Erlebtes in Frage stellen, \u00fcber unsere eigene Wahrnehmung, \u00fcber unsere Gedankeng\u00e4nge sinnieren und unsere individuelle Sichtweise um weitere Sichtweisen erweitern.<\/p>\n<p>Die Diskussion geht weiter. Wir h\u00f6ren von &#8222;7 Pleasures&#8220; der Choreographin Mette Ingvartsen, von einer menschlichen Welle, die durch die Performer*innen auf das Publikum \u00fcbergreift, von Karl&#8217;s k\u00fchner Gassenschau und &#8222;Fabrikk&#8220;, bei dem der Schokoladengeruch das ganze St\u00fcck hindurch in der Luft h\u00e4ngt und der &#8222;Drooling Lecture&#8220; von Siegmar Zacharias, die eine Zuschauerin mit dauerndem Brechreiz k\u00e4mpfen lie\u00df.<\/p>\n<p><em><strong>Der O-Ton ist deutlich: die Kombination von intellektueller und haptischer Einbindung der Zuschauer*innen in das theatrale Geschehen scheint das &#8222;goldene Rezept&#8220; einer gelungenen Veranstaltung zu sein.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Aber was bedeutet das f\u00fcr diejenigen, die Theaterst\u00fccke buchen, f\u00fcr die Kurator*innen und Theaterdirektor*innen? Und wie kann man eine Einbindung des Publikums erreichen, wenn es aufgrund einer Pandemie zu Hause bleiben mu\u00df?<\/p>\n<p><strong>Einen Tag vorher: Mittwoch, 26. Mai 2021.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Konferenzraum im Obergeschoss des Centre Fran\u00e7ais de Berlin.<br \/>\nWir sprechen per Zoom-Konferenz \u00fcber &#8222;Twin Speaks&#8220; des schweizer-deutschen Ensembles Vorschlag:hammer, mit den Programmleiterinnen des Festival PERSPECTIVES, in dessen Rahmen das St\u00fcck aufgef\u00fchrt worden ist. Aufgef\u00fchrt&#8230;ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn die Besonderheit von &#8222;Twin Speaks&#8220; liegt darin, da\u00df es nur \u00fcber die Instantnachrichten-Anwendung Telegram stattfindet. Die Zuschauer*innen erhielten nach Kauf einer Eintrittskarte eine TelephonnummerTelefonnummer, die sie dann bei Telegram eingaben, um in die Chat-Gruppe aufgenommen zu werden. Ab 20 Uhr wohnte das Publikum einer Abfolge von Videonachrichten, Emojis und Dialogen zwischen den Protagonist*innen bei. Nach jedem Akt wurde eine Umfrage an alle geschickt, die man ausf\u00fcllen konnte. Das St\u00fcck handelte von einem ungew\u00f6hnlichen Todesfall in der Stadt Birsfelden in der N\u00e4he von Basel und hatte hierzu Amateurschauspieler*innen der Stadt engagiert. Angelehnt an die US-amerikanische Kultfernsehserie &#8222;Twin Peaks&#8220; waren Elemente des \u00dcbernat\u00fcrlichen, des Nicht-Verst\u00e4ndlichen zu finden, kombiniert mit der f\u00fcr die Serie bekannten \u00c4sthetik der verst\u00f6renden Bewegungslosigkeit der Schauspieler*innen.<\/p>\n<p>Nora Wagner, die Zust\u00e4ndige f\u00fcr Vermittlung und Audio-Spielst\u00e4tten-Touren des Performing Arts Festivals Berlin, ist bei der St\u00fcckbesprechung von Twin Speaks ebenso anwesend, physisch, im Stuhlkreis mit den Teilnehmer*innen der &#8222;kritischen Reise&#8220;.<br \/>\nSie erkl\u00e4rt, da\u00df digitales Theater nicht erst mit der Pandemie aufgekommen sei, sondern es schon vorher gegeben habe. Bei dem digitalen Theater handele es sich um eine neue \u00c4sthetik, die vor allen Dingen in den j\u00fcngeren Generationen, also in Schulen Anklang findet. Sie w\u00fcrden diese Form der Kultur eher als normal finden.<br \/>\nBei all den Vorw\u00fcrfen der Unzul\u00e4nglichkeit des digitalen Theaters versus des Pr\u00e4senztheaters mit seinen vielen k\u00f6rperanregenden Stimuli und Kommunikationsebenen, gibt sie zu bedenken, da\u00df man \u00fcber das digitale Theater ein anderes und gr\u00f6\u00dferes Publikum erreicht, und es auf ganz andere Weise einbindet. Dar\u00fcberhinaus machen die Jahreszeiten bei dem Besuch von analogem im Vergleich zum digitalen Theater viel aus. Im Winter sind die digitalen Formate beliebter.<\/p>\n<p>Es scheint so zu sein, da\u00df das k\u00fcnstlerische Konzept sich seinen Ausdruck sucht. In manchen F\u00e4llen ist die digitale Form besser geeignet, um bestimmte Inhalte zu transportieren, in anderen ist das Theater mit Anwesenheit des Publikums unerl\u00e4sslich. Aber wie wird dann die Definition von &#8222;Theater&#8220; verhandelt? Kann man bei digitalem Theater noch von &#8222;Theater&#8220; im klassischen Sinne &#8211; ein Versammlungsort, Bretter, auf denen was aufgef\u00fchrt wird mit Leuten, die zugucken &#8211; sprechen, oder sollte eine neue Kategorie der kulturellen Praxis mit neuem Namen hierf\u00fcr erfunden werden?<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zu der Rolle der Zuschauer*innen und ihrer Interaktion untereinander.<\/strong><\/p>\n<p>Bei dem St\u00fcck Twin Speaks war die Chatfunktion w\u00e4hrend der Akte f\u00fcr alle Zuschauer*innen ausgeschaltet. Sie wohnten den Chatverl\u00e4ufen der Charaktere des St\u00fccks lediglich als stille Beobachter*innen bei. Sie folgten den Korrespondenzen zwischen der Ermittlerin und dem Kriminalkommissar und beobachteten, wie die beiden Charaktere zusehends mehr und mehr in sinnlose Dialoge abdrifteten, ihren Frustrationen bei der Arbeit freien Lauf lie\u00dfen, und ihre jeweiligen Eigenheiten in der Wortwahl und verschiedenen Emojis ausdr\u00fcckten.<br \/>\nZwischen den Akten jedoch wurde die Chat-Funktion f\u00fcr alle wieder freigeschaltet. F\u00fcr die Zeit einer mehrmin\u00fctigen Interimspause war der Spekulation \u00fcber &#8222;Wer war es?&#8220; T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet. Die Zuschauer*innen tauschten sich aus, manche frotzelten, manche \u00fcberlegten an m\u00f6glichen Tatverl\u00e4ufen. Dann wurde die Chatfunktion wieder abgeschaltet, und weiter ging es mit dem spionage\u00e4hnlichen Mitlesen der tippenden Schauspielerinnen und ihren Audio- und Videonachrichten.<\/p>\n<p><em><strong>In einer Welt, in der das Tragen eines Smartphones dieselbe Notwendigkeit wie der Besitz eines Wohnungsschl\u00fcssels erreicht hat, scheint es nur nat\u00fcrlich zu sein, da\u00df diese allt\u00e4gliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit des menschlichen Miteinanders Eingang in die Welt des Theaters, dem Ort der repr\u00e4sentativen Mensch-zu-Mensch-Verbindung schlechthin, findet.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Doch klar ist auch, da\u00df die Kommunikationsebenen im Digitalen v\u00f6llig anders sind, genauso vielschichtig und anspruchsvoll wie ein Gespr\u00e4ch von Angesicht zu Angesicht, aber beruhend auf v\u00f6llig anderen Konventionen, mit einem v\u00f6llig anderen Bezug zu Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit den Programmleiterinnen des Festival PERSPECTIVES ist der innere Vorwurf an die Gesellschaft, ihnen die Digitalit\u00e4t als den letzten Schrei auch f\u00fcr das Theater unterzuschieben, zu h\u00f6ren. Die Teilnehmer*innen der &#8222;kritischen Reise durch die Festivals&#8220; kennen die Unzul\u00e4nglichkeiten des digitalen Theaters zu Gen\u00fcge. Aber wie ist es um seine besonderen Vorz\u00fcge bestellt?<br \/>\nEine Programmleiterin des Festival PERSPECTIVES fragt in die Runde, wieviele der Anwesenden denn w\u00e4hrend der Pandemie ein digitales Theaterst\u00fcck gesehen haben, das wirklich f\u00fcr das Format konzipiert worden ist. Ein paar erz\u00e4hlen, aber viele Wortmeldungen sind es nicht.<\/p>\n<p>Die digitale Theaterpraxis ist neu und kann auf keine Geschichte des Zuschauens zur\u00fcckblicken. Die Schablone der bereits existierenden Protokolle in der Rezeption von St\u00fccken will nicht so recht passen, und so ist das von physischer Pr\u00e4senz gepr\u00e4gte Publikum in einem Neuland seiner eigenen kulturellen Selbstfindung etwas verloren. Dies scheint nicht nur f\u00fcr das Publikum zu gelten.<br \/>\nNora Wagner vom Performing Arts Festival Berlin wei\u00df zu berichten, da\u00df sich seit \u00d6ffnung der Spielst\u00e4tten ab Mitte Mai 2021 die Presse nur f\u00fcr die f\u00fcnfzehn Live-Auftritte des Festivals interessiert, aber nichts mehr von dem digitalen Theater im Programm wissen will.<\/p>\n<p>Eine Teilnehmerin der &#8222;kritischen Reise&#8220; erinnert sich, wie sie Twin Speaks auf ihrem Handy auf dem Bett liegend angeschaut hat. W\u00e4hrend die Nachrichten auf ihrem Bildschirm vor\u00fcberzogen, wurde es drau\u00dfen dunkel, sie schaute aus dem offenen Fenster und begann langsam, sich zu gruseln.<br \/>\nEin sehr direkter, sehr haptischer Effekt f\u00fcr ein digitales Theaterst\u00fcck. Die Anwesenheit von weiteren Zuschauer*innen h\u00e4tte diesen Effekt gest\u00f6rt, denn zu vierzig Personen l\u00e4sst es sich schwer schaudern.<\/p>\n<p>Die Krux der Einsamkeit des Zuschauerdaseins im digitalen Theaterzeitalter wird uns noch etwas l\u00e4nger begleiten. Ob es sich bei den beiden Schauspielformen &#8222;digital&#8220; und &#8222;analog&#8220; wie zwischen Kino und Theater Anfang des letzten Jahrhunderts verhalten wird oder ob neue Arten der Koexistenz gefunden werden, wird sich in Zukunft zeigen. Das Bed\u00fcrfnis nach kollektiver, k\u00f6rperlicher Erfahrung ist da und nicht verhandelbar, aber die Modalit\u00e4ten dieser kollektiven, k\u00f6rperlichen Erfahrung sind genauso kreativ, vielf\u00e4ltig und im Fluss begriffen wie die Inhalte der Theaterst\u00fccke selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Donnerstag, der 27. Mai 2021. Wir befinden uns im Kinoraum des Centre Fran\u00e7ais de Berlin. 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