{"id":9281,"date":"2021-07-05T13:51:35","date_gmt":"2021-07-05T11:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/centre-francais.de\/?p=9281"},"modified":"2021-07-05T13:51:35","modified_gmt":"2021-07-05T11:51:35","slug":"nach-dem-stueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/nach-dem-stueck\/","title":{"rendered":"&#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8211; Lea Pischke, 10. Juni 2021<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die &#8222;Kritische Reise durch die Festivals&#8220; am CFB, Mai 2021<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Wor\u00fcber schreiben Theaterkritiker*innen?<\/strong><\/em><br \/>\n<strong>Die Journalistin oder der Journalist besucht eine Vorstellung, geht dann nach Hause, setzt sich an den Computer und schreibt eine Rezension, damit am Folgetag entweder in der Zeitung oder auf den jeweiligen Onlinemedien eine Kritik eben jener Vorstellung zu lesen ist.<\/strong><br \/>\n<strong>Doch hier richtet sich der Blick nicht auf die B\u00fchne, sondern auf das Publikum selbst. Es geht darum, wie Zuschauer*innen ein Theaterst\u00fcck erleben, also um eine Art Metareflektion \u00fcber die Reflektion des Publikums.<\/strong><\/p>\n<p>Es waren vier Stunden. Vier lange Stunden in einem dunklen Publikumsraum, vor einer Kinoleinwand, auf der das Theaterst\u00fcck &#8222;Reich des Todes&#8220; von Rainald Goetz mit dem Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg am Freitag, den 21. Mai 2021, in Direkt\u00fcbertragung zu sehen war, im Rahmen des Berliner Theaterfreffen.<br \/>\nVier Stunden aufpeitschende Wortgewalt, vier Stunden wechselnde B\u00fchnenbilder, vier Stunden lang Menschen mit Pappmach\u00e9-K\u00f6pfen, im Rollstuhl, Zigarette rauchend, schreiend, tanzend, mit Per\u00fccke, ohne Per\u00fccke, dann im Chor singend. Vier Stunden lang Bezug auf Folter und eine Politik, die diese beg\u00fcnstigt. Vier Stunden geballte Negativit\u00e4t, ohne Atemholen, ohne R\u00fccksicht auf Verluste.<br \/>\nApropos Verlust: Aufgrund kleiner Aussetzer im Datentransfer wurden manche Monologe slapstickhaft auf ein schnelles Sprechmoment zusammengeschrumpft, was der allgemeinen Gravitas des St\u00fccks einen kleinen schelmischen Seitenhieb versetzte.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des Berliner Theatertreffens, des Performing Art Festivals Berlin und des Festival Perspectives in Saarbr\u00fccken hatte sich vom 20. bis zum 28. Mai 2021 eine f\u00fcnfzehnk\u00f6pfige Gruppe an Deutsch und Franz\u00f6sisch sprechender Theaterliebhaber*innen im Centre Fran\u00e7ais de Berlin f\u00fcr eine Woche zusammengefunden, um gemeinsam im hauseigenen Kino Live-\u00dcbertragungen der Veranstaltungen beizuwohnen und diese im Anschlu\u00df in der Gruppe zu besprechen.<br \/>\nAngesichts der pandemiebedingten Umst\u00e4nde wurde das Format der &#8222;Kritischen Reise&#8220; hybrid gehalten: Die f\u00fcnfzehn Teilnehmer*innen waren einerseits physisch im CFB anwesend &#8211; und wurden t\u00e4glich getestet &#8211; andererseits erfolgten s\u00e4mtliche Vorstellungen der gemeinsam zu sehenden St\u00fccke online. Ebenso wurden alle Veranstaltungen mit der \u00d6ffentlichkeit und den &#8222;Kritische Reise&#8220;-Partnern per Videokonferenz abgehalten.<br \/>\nUnd um denjenigen, die vor der Teilnahme an der &#8222;Kritischen Reise&#8220; in Quarant\u00e4ne gehen mussten, die einsame Erfahrung zu vers\u00fc\u00dfen, gab es sogar ein speziell f\u00fcr diesen Anlass konzipiertes Online-Programm.<\/p>\n<p>Unter Leitung des Pariser Theaterregisseurs Mathieu Huot und des Berliner Schauspielers Thomas Kellner sprachen die Teilnehmer*innen \u00fcber die gesehenen St\u00fccke und \u00fcbten sich dabei in der Anwendung der sogenannten &#8222;Kellner-Methode&#8220;.<br \/>\nDie &#8222;Kellner-Methode&#8220; ist eine Art Handbuch der St\u00fcckrezeption und bezieht sich auf die Ich-Perspektive der Zuschauerwahrnehmung. Sie dient als Hilfe bei dem Ordnen der Gedanken und Gef\u00fchle nach einem erlebten St\u00fcck und teilt sich in vier Kategorien auf: &#8222;Vor dem St\u00fcck&#8220;, &#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220;, &#8222;Nach der Diskussion&#8220;, &#8222;L\u00e4nger danach&#8220;.<br \/>\nJede Kategorie besteht aus mehreren Fragen, die auf die verschiedenen Wirkphasen einer Auff\u00fchrung genauer eingehen und beim Austausch mit anderen als Vorlage dienen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Stuhlkreis in einem hellen Seminarraum des CFB. Programmhefte mit Notizen auf dem Scho\u00df. Die deutsch-franz\u00f6sische Delegation bespricht einen Tag nach der Auff\u00fchrung die Produktion &#8222;Reich des Todes&#8220;. Die Stimmung ist bedr\u00fcckt, wenn nicht gar ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p>Doch bevor es in den rein diskursiven Teil der St\u00fcckerezeption geht, haben die Teilnehmer*innen nach jeder gemeinsam gesehenen Auff\u00fchrung die M\u00f6glichkeit, eine Art kreativen R\u00fcckblick auf die Auff\u00fchrung selbst zu pr\u00e4sentieren. Alleine, zu zweit oder in einer Gruppe zeigen sie ihren Mitstreiter*innen in einer zehn- bis f\u00fcnfzehnmin\u00fctigen Performance, wie die Vorstellung auf sie gewirkt hat. Es entsteht eine Art improvisiertes Meta-Theater zum Theater.<\/p>\n<p>Bei &#8222;Reich des Todes&#8220; haben sich zwei Teilnehmer*innen bereiterkl\u00e4rt, performativ ihre Meinung kundzutun: sie bl\u00e4ttern durch das imagin\u00e4re Programmheft, schauen auf, schauen ins Programmheft, schauen auf, die Gesten sind dr\u00f6ge. Eine Frau liest den Spielplan des Hamburger Schauspielhauses von ihrem Handy ab. Der Name &#8222;Rainald Goetz&#8220; wird mehrfach genannt. Es passiert nicht viel.<\/p>\n<p>Die Meta-Performer*innen setzen sich wieder, die zweite Kategorie der &#8222;Kellner&#8220;-Methode, &#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220;, wird in Angriff genommen.<br \/>\n&#8222;Was hast du gesehen? Was hast du dabei gef\u00fchlt?&#8220; Eine Teilnehmerin beginnt und spricht von der Darstellung von Gewalt auf der B\u00fchne. Thomas Kellner unterbricht sie. &#8222;Bitte verlier dich nicht in Verallgemeinerungen. Zuerst m\u00f6chten wir wissen, was das St\u00fcck mit dir gemacht hat.&#8220;<br \/>\nDie Teilnehmerin setzt neu an, stockt etwas bei der Verwendung des Ich-Pronomens. Mit einem Mal f\u00fchlt sich der Austausch \u00fcber das Erlebte wie eine sehr pers\u00f6nliche Angelegenheit an.<\/p>\n<p>Aber<strong> genau das ist der springende Punkt. Die Delegation ergr\u00fcndet ihre eigene Ontologie des Zuschauer-Daseins. Sie will wissen, wie Theater-, Performance-, Tanzst\u00fccke auf sie wirken, daher ist das Beharren auf die individuelle Wahrnehmung, die individuellen Gef\u00fchle, Assoziationen und Gedanken so wichtig.<\/strong><br \/>\nDoch das Sprechen \u00fcber Erlebtes will ge\u00fcbt werden, sei es im Stuhlkreis von Theaterkenner*innen oder in der Selbsthilfegruppe. Beiden gemein ist die absolute Ehrlichkeit, die Basis f\u00fcr den Austausch sein mu\u00df.<br \/>\nUnter diesen Bedingungen nimmt es nicht wunder, da\u00df manche Teilnehmer*innen lieber mit ihrer theaterwissenschaftlichen Expertise arbeiten m\u00f6chten, als das innere Zahnwerk ihrer Empfindsamkeit preiszugeben.<br \/>\nAn einem St\u00fcck teilzunehmen hei\u00dft noch lange nicht, auch als Zuschauer*in teilnahmsvoll zu sein.<br \/>\nSo wird die &#8222;Kellner&#8220;-Methode zu einer Art kultureller Offenbarungspraxis, in der wir die Schichten der gelernten Rezeptionstechniken ablegen m\u00fcssen, um deutlich und klar f\u00fcr andere verst\u00e4ndlich zu sagen, was bei uns innerlich abgelaufen ist.<\/p>\n<p>Die Kategorie &#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220; hat hierf\u00fcr ein paar Fragen vorgesehen:<\/p>\n<p><em>&#8222;Ein Gedanke oder ein Bild, das bleibt, welches ist es?&#8220;<\/em><br \/>\n<em>&#8222;Was f\u00fchlen Sie?&#8220;<\/em><br \/>\n<em>&#8222;Eine Lust, eine Frustration?&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Einige &#8211; paraphrasierte &#8211; Reaktionen auf &#8222;Reich des Todes&#8220;:<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Ich habe mich missbraucht gef\u00fchlt. Auf mich wurde mit br\u00fcllenden Stimmen eingehauen, irgendwann habe ich mich so mit Negativit\u00e4t angef\u00fcllt, da\u00df keine Menschlichkeit mehr in mir war.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Der Mann im wei\u00dfen T-Shirt auf dem Kasten hat mich ber\u00fchrt. Diese Folterszenen haben mich irgendwie erreicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Das Photo von dem toten Kleinkind am Strand . Das ist ein respektloser Umgang mit den Schicksalen anderer Menschen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Die erste Stunde war schwierig, ab der vierten Stunde bin ich in den Text eingestiegen. Am Anfang habe ich die Gewalt nicht gesehen. Am Ende habe ich sie gef\u00fchlt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Ich sehe viele alte wei\u00dfe M\u00e4nner, die das Publikum anbr\u00fcllen und sich dadurch im Schauspieler-Dasein best\u00e4tigt f\u00fchlen. Ich sehe einen einzigen schwarzen Mann, der im Hintergrund ist und kaum spricht. Ich finde das ekelhaft.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Ich sehe ein opulentes B\u00fchnenbild mit ganz vielen Details, da\u00df ich dar\u00fcber das Thema des St\u00fccks ganz vergessen habe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Nach der Bestandsaufnahme der jeweiligen Wahrnehmungen geht die Gruppe weiter und beginnt eine Diskussion, unter Zuhilfenahme weiterer Fragen der Kategorie &#8222;Nach dem St\u00fcck&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Sind Sie gedanklich gereist? Wenn ja, wohin?&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Es gab viele Szenen, die traumatisieren k\u00f6nnen. In einem Kontext der Cancel Culture sind wir alle sensibler im Umgang mit schwierigen Themen geworden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Die Zuschauenden werden bewusst ignoriert. Der Zynismus ist im B\u00fchnenbild angelegt, wir befinden uns in der Didaktik der Gef\u00fchllosigkeit, also soll ich als Zuschauer*in nichts mehr empfinden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Was soll die \u00dcberprojektion des Inhalts auf die Form? Ich stelle etwas brutales dar, weil es um Brutalit\u00e4t geht. Sehr simpel.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Immer wieder wird die vermeintliche Intention des Regisseurs zum Thema gemacht. Was wollte er bezwecken und ist es ihm gelungen? Mathieu Huot interveniert: &#8222;Bitte sprecht f\u00fcr euch. Seid ihr traumatisiert worden, oder seid ihr es nicht?&#8220;<br \/>\nKellner f\u00fcgt hinzu: <em>&#8222;Ihr als Publikum habt das Recht zu f\u00fchlen und zu denken, was ihr wollt, der Wille des Regisseurs ist zweitrangig. Ihr k\u00f6nnt und d\u00fcrft euren eigenen Bezug zum St\u00fcck haben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Gab es eine kollektive Erfahrung. Welche ist es?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Stimmung in der Delegation scheint am Nullpunkt angekommen zu sein. Welche Erfahrung auch immer gemacht wurde, intendiert oder nicht, sie ist jedenfalls nicht dem positiven Teil des Reaktionsspektrums zuzuordnen. Der gemeinsame, kollektive Nenner der Zuschauenden liegt in den Gef\u00fchlen von Abwehr, Ver\u00e4rgerung \u00fcber leichtfertigen Umgang mit Menschenschicksalen, \u00dcberreizung mit negativen Stimuli von Text und B\u00fchnenbild bis hin zu emotionaler Abstumpfung und Desinteresse an der \u00c4sthetik.<\/p>\n<p>Huot: <em>&#8222;Wenn ich ins Theater gehe, dann m\u00f6chte ich etwas sehen, was ich sonst nicht sehe, oder sehen m\u00f6chte. Ich m\u00f6chte nicht, da\u00df man mir genau gibt, was ich will.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Und so bewegt sich die Diskussion in Richtung Befragung der eigenen somatischen Reaktanz und nimmt sich die In-Kaufnahme von schwer ertragbaren Gef\u00fchlszust\u00e4nden zum Zwecke der Theaterrezeption vor.<\/p>\n<p><strong>Ist die am eigenen K\u00f6rper erlebte emotionale Abstumpfung ein Sinnbild f\u00fcr die distanzierte, von der Realit\u00e4t v\u00f6llig abgekoppelte Au\u00dfenpolitik der USA? Ist der vierst\u00fcndige Prozess der inneren Entmenschlichung, den ich an mir als Zuschauer*in feststelle, eine Art reduzierte Form dessen, was im Pentagon in den Nuller Jahren ablief?<\/strong><\/p>\n<p>Ist die Abwehrreaktion auf den Schwall an agitierten Menschen, die wortgewaltig ihre Verantwortungslosigkeit neben Monologen \u00fcber entw\u00fcrdigende Szenen im Abu-Ghraib-Gef\u00e4ngnis in Bagdad kundtun, eine passende Metapher zu sinnentleertem technokratischem Verhalten, oder ist diese muskul\u00f6se Darstellung der Protagonist*innen schlicht und ergreifend dem bourgeoisen Theaterinstrumentarium geschuldet?<br \/>\nUnd diese Dauer\u00fcberflutung mit B\u00fchnenbild, diese scheue Halbnacktheit in mehreren Szenen und das Falschblut, sind sie Mittel zum Zweck oder die eitle Pfauenschau eines gut dotierten Staatstheaters mit einem konservativen Publikum?<\/p>\n<p>Die Diskussion nimmt an Fahrt auf. Es wird \u00fcber \u00c4sthetiken der Brutalit\u00e4t gesprochen, \u00fcber die Banalisierung von Missbrauch, \u00fcber die Verantwortung von Theater gegen\u00fcber der Gesellschaft, \u00fcber Opulenz zu Ungunsten von ad\u00e4quater Themenbehandlung.<\/p>\n<p>Jemand wirft die Frage ein:<em> &#8222;War denn \u00fcberhaupt Publikum da?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Tatsache, da\u00df diese Frage in der Diskussion aufkommt, verr\u00e4t den historischen Rahmen der &#8222;Kritischen Reise&#8220; des CFB und der Plateforme. W\u00e4re sie im Jahr 2019 gestellt worden, h\u00e4tte sie nur gehobene Augenbrauen und verst\u00e4ndnislose Gesichter geerntet. Aber jetzt, im Mai 2021, ist sie v\u00f6llig berechtigt.<\/p>\n<p>Die bundesweit geltenden Hygienerichtlinien w\u00e4hrend der Corona-Pandemie verbieten die physische Anwesenheit von Publikum bei Theatervorstellungen. Daher findet sich die deutsch-franz\u00f6sische Delegation, unter strengen t\u00e4glichen Selbst-Testvorlagen, auch im Kinoraum des CFB ein, und nicht in einem Theatersaal.<br \/>\nHaben also die Schauspieler*innen von &#8222;Reich des Todes&#8220; vor leeren Pl\u00e4tzen gespielt, vier Stunden lang ins Nichts skandiert, geschrien, gesungen?<\/p>\n<p><em>&#8222;Vielleicht haben sie ihren Mangel an Spielt\u00e4tigkeit w\u00e4hrend der Lockdowns mit zu lauten Sprechpassagen \u00fcberkompensiert. Vielleicht wollten sie mal wieder zeigen, was sie drauf haben. Vielleicht sind deswegen die Protagonist*innen so wenig auf die anderen Charaktere eingegangen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Diskussion interessiert sich nun f\u00fcr die Kameraf\u00fchrung der Live-Aufnahme. Was wurde gezeigt, wo fehlten die Nahaufnahmen? Die Schauspieler*innen spielten immer nach vorne, jedoch nie in ein Objektiv hinein.<br \/>\nW\u00e4re das Zuschauererlebnis ein anderes gewesen, wenn sie oder er direkt vor der B\u00fchne gesessen h\u00e4tte? Was gewinnt, was verliert man durch eine Live-\u00dcbertragung im Internet?<\/p>\n<p>Einigkeit macht sich breit. Kinotauglich war &#8222;Reich des Todes&#8220; nicht.<\/p>\n<p>Eine Teilnehmerin merkt gegen Ende der &#8222;Kritischen Reise&#8220; an, da\u00df es zum Verarbeiten eines St\u00fccks Zeit braucht, Zeit, die weit \u00fcber eine Nacht zwischen Vorstellung und Besprechungstag geht. Damit spricht sie die &#8222;Kellner&#8220;-Kategorien &#8222;Nach der Diskussion&#8220; und &#8222;L\u00e4nger danach&#8220; an, die aufgrund der Gedr\u00e4ngtheit des Programms leider wenig R\u00fccksicht erfahren haben. Mehrere Teilnehmer*innen stimmen ihr zu.<em> &#8222;Schon ein Spaziergang alleine durch den Park w\u00fcrde mir helfen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie spricht man \u00fcber ein St\u00fcck? Und wann spricht man \u00fcber es?<\/strong><br \/>\n<strong>Welche Sprache w\u00fcrde mir n\u00fctzen, um mich bei meinem Gespr\u00e4chspartner verst\u00e4ndlich zu machen?<\/strong><\/p>\n<p>Interessanterweise hilft hier der Umstand, da\u00df sich die Reisegesellschaft der &#8222;Kritischen Reise&#8220; aus verschiedenen Muttersprachler*innen zusammensetzt: jede Wortmeldung wird aus dem Franz\u00f6sischen ins Deutsche bzw. aus dem Deutschen ins Franz\u00f6sische direkt \u00fcbersetzt, entweder von den Sprechern selbst, wenn sie zweisprachig sind, oder aber von den zwei anwesenden \u00dcbersetzerinnen.<br \/>\nBei der \u00dcbertragung von einer in die andere Sprache wird bisweilen gefiltert, gesch\u00e4rft, nochmals er\u00f6rtert, um das eigene Erleben besser darzustellen. Unklarheiten k\u00f6nnen beseitigt werden.<br \/>\nDas Prozedere mag zwar die Diskussion in ihrer Dynamik etwas bremsen und in ihrer L\u00e4nge dehnen, hilft aber, die &#8222;Kellner&#8220;-Methode so zu praktizieren, da\u00df sie den Anwesenden regelrecht in Fleisch und Blut \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>Nach anderthalb Stunden St\u00fcckgespr\u00e4ch, Sitzen, Reden, Einwerfen, \u00dcbersetzen macht sich Ersch\u00f6pfung breit. Eine Teilnehmerin reckt sich. Die beiden &#8222;Reiseleiter&#8220; Huot und Kellner beenden die Diskussion. Die Teilnehmerin sch\u00fcttelt sich, als ob sie die Negativit\u00e4t aus dem Leib treiben wollte.<br \/>\nSo passioniert die St\u00fcckbesprechung von &#8222;Reich des Todes&#8220; auch war, jetzt rauchen die K\u00f6pfe, und die Glieder schmerzen vom langen Sitzen. Ein Spaziergang durch den Park w\u00e4re jetzt eine feine Sache, aber! Die n\u00e4chste Online-Performance beginnt gleich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; Lea Pischke, 10. Juni 2021 \u00dcber die &#8222;Kritische Reise durch die Festivals&#8220; am CFB, Mai 2021 Wor\u00fcber schreiben Theaterkritiker*innen? 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