{"id":9582,"date":"2021-09-22T14:25:11","date_gmt":"2021-09-22T12:25:11","guid":{"rendered":"https:\/\/centre-francais.de\/?p=9582"},"modified":"2021-09-22T15:03:31","modified_gmt":"2021-09-22T13:03:31","slug":"virus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/virus\/","title":{"rendered":"Virus ex Machina"},"content":{"rendered":"<p><strong>Virus ex Machina<\/strong><\/p>\n<p><em>Wie ein Konglomerat an Molek\u00fclen es schafft, die Hauptrolle auf allen B\u00fchnen zu spielen.<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Lea Pischke<\/p>\n<p>Die Luft ist von Piept\u00f6nen erf\u00fcllt. Die Eintrittskarten werden am Eingang des Theaters gescannt, um den direkten Handkontakt zu vermeiden. Aufgeregt und gl\u00fccklich, an Vorstellungen in persona teilnehmen zu k\u00f6nnen, stehen die Theaterbesucher*innen Schlange. Koordination des Personenverkehrs zwecks Verringerung des Infektionsrisikos. Manche nutzen die Zeit, um mit anderen \u00fcber das zuletzt gesehene St\u00fcck zu diskutieren, w\u00e4hrend sie auf das \u00d6ffnen der Theaterpforten warten. Es l\u00e4sst sich leider nicht verhindern, aber einige Worte verlieren sich im Gespr\u00e4ch, denn die OP-Masken haben die \u00e4rgerliche Eigenheit, weniger tragende Stimmen zu versperren.<\/p>\n<p>Unter den Theaterbesucher*innen befinden sich f\u00fcnfzehn Personen aus Deutschland, der Schweiz, Belgien und Frankreich, die sich in Avignon zusammengefunden haben, um gemeinsam das Festival zu erleben. Von der Plattform f\u00fcr deutsch-franz\u00f6sische Kunst (Lyon)\u00a0 dem Centre Fran\u00e7ais de Berlin (CFB) organisiert und von dem Deutsch-Franz\u00f6sischen Jugendwerk (Paris, Saarbr\u00fccken, Berlin) unterst\u00fctzt und, sprudelt dieser einw\u00f6chige Austausch namens &#8222;Kritische Reise durch die Festivals&#8220; nur so vor St\u00fccken im IN und OFF, vor Debatten, Treffen mit Regisseur*innen und der Reflexion rund um alles, was sich auf der B\u00fchne abspielt.<\/p>\n<p>Hauptaugenmerk: <strong>der Blick des Publikums<\/strong>.<\/p>\n<p>Jede*r in der Gruppe ist mit einem &#8222;Zuschauer*innen-Heft&#8220; ausgestattet, das mit Fragen rund um die Erwartungen vor, dem Erleben w\u00e4hrend und der Resonanz nach dem St\u00fcck beim Formulieren des eigenen Erlebens dienlich sein soll. Sie sehen sich t\u00e4glich mindestens zwei Auff\u00fchrungen an,um mithilfe der Notizen aus dem Heft am darauffolgenden Tag gemeinsam \u00fcber die St\u00fccke zu sprechen.<\/p>\n<p>Moderiert wird die &#8222;Kritische Reise durch die Festivals&#8220; von<strong> Mathieu Huot, Regisseur aus Paris und Thomas Kellner, Schauspieler aus Berlin<\/strong>, und lebt von der Vielfalt seiner Teilnehmer*innen:dieses Jahr sind es ein Informatiker, eine Dramaturgin, eine B\u00fchnent\u00e4nzerin, ein Journalist, eine Studentin, eine k\u00fcnstlerische Leiterin, eine Hochschuldozentin und eine Schauspielerin.<\/p>\n<p>Der Ritus sieht vor, da\u00df die Diskussionen immer mit einer &#8222;R\u00fcckblende&#8220; des zu besprechenden Theaterst\u00fcckes beginnen. In einer mehrmin\u00fctigen Pr\u00e4sentation inszenieren zwei bis drei Teilnehmer*innen die Passagen im St\u00fcck, die bei ihnen am meisten Eindruck hinterlassen haben bzw. die Gedanken und Gef\u00fchle, die der Theaterbesuch bei ihnen hervorgerufen hat, und vermitteln so den anderen eine dargestellte Version ihres eigenen Zuschauer*innenerlebens: Vor Marmelade triefende H\u00e4nde, die sich dauernd zu greifen versuchen, um den Aspekt<\/p>\n<p>&#8222;festhalten-loslassen&#8220; in dem St\u00fcck &#8222;Morphium&#8220; von Michail Bulgakow (Regie: Mariana L\u00e9zin, im &#8222;11&#8220; &#8211; Theater) wiederzugeben; ein K\u00f6rper, der gef\u00e4hrlich auf drei St\u00fchle drapiert Katzenlaute von sich gibt und so die Beziehung zwischen Publikum und Schauspieler bei &#8222;Frigide&#8220; von Malkhior (Regie: Camille Pawlotsky und St\u00e9phane Aubry, im Art\u00e9phile &#8211; Theater) illustriert oder heftig flatternde Abendzettel und zwei Zuschauer*innen, die durch das Aufeinandert\u00fcrmen von St\u00fchlen ihr Desinteresse f\u00fcr den &#8222;Kirschgarten&#8220; nach Anton Tschechow (in einer Inszenierung von Tiago Rodrigues, aufgef\u00fchrt in der Cour d&#8217;Honneur) zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<p>Siebenhundert Kilometer von Avignon entfernt weht jedoch ein ganz anderer Wind: aufgrundeines deutlichen Anstiegs der Infektionen <em>beschlo\u00df die franz\u00f6sische Regierung in Paris neue Einschr\u00e4nkungen<\/em>, die am Mittwoch, den 21. Juli 2021 in Kraft treten sollten: der sogenannte &#8222;Hygienepass&#8220; zur Best\u00e4tigung eines Negativtests oder einer vollst\u00e4ndigen Impfung wird f\u00fcr den Besuch von Theaterst\u00fccken mit mehr als f\u00fcnfzig Zuschauer*innen verpflichtend. Und dies mitten im Festival. Ohne es beabsichtigt zu haben, wird so die &#8222;Kritische Reise durch die Festivals&#8220; eine Art Barometer f\u00fcr das Theater in der Pandemie. Im vergangenen Mai hatte der deutsche Teil des Austauschs anl\u00e4sslich des Festivals PERSPECTIVES (Saarbr\u00fccken), dem Theatertreffen und dem Performing Arts Festival in Berlin stattgefunden.<\/p>\n<p><strong>Sieben Tage lang bewohnte eine zw\u00f6lfk\u00f6pfige Delegation aus deutsch- und franz\u00f6sischsprachigen Theaterliebhaber*innen das CFB in freiwillig gew\u00e4hltem &#8222;kulturellen Lockdown&#8220;<\/strong>, um gemeinsam jeden Tag St\u00fccke per Live\u00fcbertragung auf der Kinoleinwand des Centre anzuschauen und sie anschlie\u00dfend zu besprechen. Punktgenau zum Beginn des Austauschs k\u00fcndigte der Berliner Senat f\u00fcr den 19. Mai 2021 die \u00d6ffnung des Au\u00dfenbereiches seiner Kulturst\u00e4tten an. Die in monatelanger Vorarbeit sorgsam geplante Veranstaltung am CFB wurde mit einem Mal zu einem vom Impfgeschehen eingeholten Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend drau\u00dfen die Theater langsam ihre Tore wieder \u00f6ffneten und die Gastronomie die St\u00fchle auf die Stra\u00dfe stellte, praktizierte diese internationale Zuschauergruppe einen bemerkenswerten Akt der Belastbarkeit.<\/p>\n<p>Sie hatten sich in die Klausur zur\u00fcckgezogen, um sich intensiv der Roller der Zuschauer*innen zu widmen. T\u00e4glich wurden sie von dem hierzu eigens ausgebildeten Team des CFB getestet, um gemeinsam an den Live-\u00dcbertragungen teilzunehmen ohne sich dabei einem Infektionsrisiko auszusetzen<\/p>\n<p><em>Der 19. Mai 2021<\/em> markierte daher einen wichtigen Moment f\u00fcr das von der Pandemie arggebeutelte deutsche Theater: immer mit einem Blick auf die Infektionszahlen war der Wieder\u00f6ffnungsprozess der Spielst\u00e4tten langsam in die Wege geleitet worden.<\/p>\n<p>Neun Wochen sp\u00e4ter,<strong> in Frankreich, nimmt die kurze Bl\u00fctephase dann ihr vorzeitiges Ende, und wiedermals strangulieren harte Einschr\u00e4nkungen die darstellenden K\u00fcnste.<\/strong><\/p>\n<p>Dieses politische Ping-Pong, das der Theaterbetrieb zu beiden Seiten des Rheins sowie in vielen anderen L\u00e4ndern erleidet, verdeutlicht, wie hart die Auswirkungen von Covid auf den Sektor sind, der in v\u00f6lliger Abh\u00e4ngigkeit zur Unvorhersehbarkeit der Situation sowie der zumeist ungerechten Handhabung der Regierungen versucht, seine Arbeit zu bewerkstelligen.<\/p>\n<p>Autofabriken mit einer begrenzten Anzahl an Arbeiter*innen? Verpflichtende Tests f\u00fcr Angestellte aller deutscher Firmen? Was f\u00fcr eine \u00fcberspannte Idee!<\/p>\n<p>Es ist nicht so sehr der Name Isabelle Huppert, der auf allen Plakaten prangt, vielmehr ist es das Konglomerat an RNA-haltigen Molek\u00fclen Covid-19, das im Rampenlicht steht, in Frankreich sowie in Deutschland, und das noch einige Jahre mehr.<\/p>\n<p>Mit dem &#8222;Zuschauer*innen-Heft&#8220; in der Hand schlendert die Gruppe der &#8222;Kritischen Reise&#8220; durch die Stra\u00dfen Avignons und macht sich auf dem Weg von einem Theater zum n\u00e4chsten nochschnell Notizen. Es bleibt noch die gro\u00dfe R\u00fcckblende, die der Auff\u00fchrung, der Superauff\u00fchrung, die von dem Gesamtkunstwerk unserer Zeit: &#8222;Virus ex machina&#8220;, inszeniert von dem neuen Ensemble Sars-Cov-2. Das St\u00fcck spielt jeden Tag, ist umsonst und f\u00fcr jedes Publikum geeignet. <em><strong>Gehen Sie hin!<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"ZfOtQbf0Hu\"><p><a href=\"https:\/\/plateforme-plattform.org\/parcours-du-spectateur-avignon-2021\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Parcours critique &#8211; Avignon<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"\u00ab\u00a0Parcours critique &#8211; Avignon\u00a0\u00bb &#8212; Plateforme-Plattform\" src=\"https:\/\/plateforme-plattform.org\/parcours-du-spectateur-avignon-2021\/embed#?secret=5fA6WPYpKm#?secret=ZfOtQbf0Hu\" data-secret=\"ZfOtQbf0Hu\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>https:\/\/www.ofaj.org\/<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/centre-francais.de\/\">https:\/\/centre-francais.de\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Virus ex Machina Wie ein Konglomerat an Molek\u00fclen es schafft, die Hauptrolle auf allen B\u00fchnen zu spielen. &#8211; Lea Pischke Die Luft ist von Piept\u00f6nen erf\u00fcllt. Die Eintrittskarten werden am Eingang des Theaters gescannt, um den direkten Handkontakt zu vermeiden. Aufgeregt und gl\u00fccklich, an Vorstellungen in persona teilnehmen zu k\u00f6nnen,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":9591,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[121,122],"tags":[],"class_list":{"0":"post-9582","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kultur","8":"category-austauschprojekte"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9582"}],"collection":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9582"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9582\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/centre-francais.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}