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Austauschprojekte

Paris-Berlin gleicher Kampf? Ein deutsch-französischer Austausch der Zivilgesellschaft rund um die Praxis des Urban Gardening 19.05-24.05.2022, Paris

By 3 Juni 2022 August 22nd, 2022 No Comments

Paris-Berlin gleicher Kampf? Ein deutsch-französischer Austausch der Zivilgesellschaft rund um die Praxis des Urban Gardening 19.05-24.05.2022, Paris

Es ist mehr als fünf Jahre her, dass das Centre Français de Berlin zusammen mit seiner Nachbarschaft die verrückte Idee hatte, auf einem Teil seines Parkplatzes im Norden Berlins entlang der Müllerstraße einen Garten anzulegen: Rote Beete. Die Spezialisierung des CFBs auf die Organisation und Durchführung internationaler Jugendbegegnungen ließ nicht sofort vermuten, dass urbanes Gärtnern zu den Aktivitäten gehören könnte, die an diesem atypischen Ort angeboten werden, und doch ? Es gibt nichts Besseres, als jungen Europäer*innen praktische Aktivitäten anzubieten, damit sie durch ihre Körper und die konkrete Umsetzung ihrer buntesten und wildesten Ideen spüren, was es bedeutet, sich zu engagieren, aktiv an einem Paradigmenwechsel in Bezug auf die Umwelt und den sozialen Raum teilzunehmen und schließlich in der Idee bestärkt zu werden, dass der notwendige Wandel nicht vom Himmel fallen muss, sondern dass „ich, der/die Jugendliche, der/die Akteur*in sein kann“.
Denn einen Kübel Erde zu designen, ihn zu bauen, zu dekorieren, zu füllen und Samen hineinzulegen, die dann wachsen, ist eine Möglichkeit, den Keim für die Zukunft (in der Stadt und in den Köpfen) zu legen und seine Spuren in der Gegenwart zu hinterlassen. Urban Gardening ist in der Tat ein sehr schönes und einfaches Mittel, um eine Gruppe um eine gemeinsame Aufgabe zu versammeln, um Dialog, Zusammenarbeit, Verständigung und Kommunikation zu ermöglichen, die durch fast universelle Werkzeuge erleichtert werden und auf diese Weise jedem/jeder die Möglichkeit geben, sich in verschiedenen und vielfältigen, manchmal unerwarteten Formen auszudrücken… verborgene Talente oder manchmal auch die Teilnehmenden selbst, werden zum Leben erweckt und hinterlassen ihre Spuren.
Und diese Spuren der internationalen Jugendlichen, die sich in Berlin aufhalten, bleiben nicht ohne Nutzen, ganz im Gegenteil: Es ist die Kraft/Stärke der deutsch-französischen und europäischen Bewegung, dass sie das Internationale mit dem Lokalen in Verbindung zu bringen! Denn wenn die Jugendlichen eine Woche oder auch nur einen Nachmittag lang Spaß hatten, müssen die Früchte ihrer Arbeit der lokalen Gemeinschaft zugute kommen. Diese/Letztere übernehmen anschließend den erstellten Kübel oder die Dekoration indem sie sie in ihre eigenen Bemühungen einbauen und bringen somit das gemeinsame Projekt voran. Die Stärke internationaler Gruppen ermöglicht es, beeindruckende Ergebnisse zu erzielen für die eine lokale Gemeinschaft mehr Zeit benötigt hätte. Und wie wir wissen, ziehen Masse und Farbe Masse und Farbe an, so dass das lokale Projekt eine sehr interessante Anziehungskraft und Motivation erreicht/entfaltet, die es ermöglicht, immer mehr Menschen mit sehr unterschiedlichen sozialen Backgrounds/aus sehr unterschiedlichen sozialen Milieus und Lebensläufen anzuziehen. Es ist vergleichbar mit einer bunten Wimpelkette, die an einer einzigen Schnur befestigt ist und sie alle durchzieht: die Lust, gemeinsam zu gärtnern und die Welt neu zu gestalten. Der gleiche Prozess, der bei den Jugendlichen stattgefunden hat – Kooperation, Kreativität, Abstimmung, Neugestaltung des öffentlichen Raums, gelebte Demokratie in einem kleinen, aber nicht weniger repräsentativen Bereich des sozialen Raums und schließlich non-formale Bildung (durch die Praxis und die Gruppe) – wird nun auch bei den erwachsenen Gärtner ausgelöst und der Kreis schließt sich somit.

Ist der Kreis wirklich geschlossen? Ja, aber vielleicht ist eine Umkehrung des Kreises möglich und wäre von Vorteil? Was, wenn die Gartenaktivist*innen ebenfalls in den Austausch gehen und sich mit den Praktiken des urbanen Gärtnerns auf der anderen Seite des Rheins auseinandersetzen würden? Dies ist die Challenge, der sich das CFB mit seinem Partner Graine de Jardins Paris auf der Grundlage ihrer jeweiligen Erfahrungen im Bereich des Austauschs und des Aktivismus in Gemeinschaftsgärten gestellt hat, zunächst online im Juni 2021 und dieses Jahr in Form einer Präsenzveranstaltung vom 19. bis 24. Mai 2022: Anlässlich des 35-jährigen Jubiläums der Partnerschaft zwischen den Städten Berlin und Paris einen Austausch von Gartenaktivist*innen aus 7 Berliner Gemeinschaftsgärten zu organisieren, die jeweils 2 Vertreter*innen pro Garten entsenden, d.h. 14 Personen, die auf 6 Pariser Gärten treffen, um sich in (der Stadt) Paris zu treffen, zu besuchen, sich auszutauschen, Horizonte zu erweitern und sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene zusammenzuwachsen und zu solidarisieren.
Tatsächlich ist es immer ein latenter Traum des CFBs gewesen, den Mitgliedern des Gartens Rote Beete und somit der Zivilgesellschaft internationale Mobilität zu ermöglichen, denn das Know-how war in diesem Kontext bereits vorhanden. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass der deutsch-französische Austausch einem möglichst breiten Publikum zugute kommen muss.

Die Antwort der Pariser und Berliner Gemeinschaftsgärten ließ nicht lange auf sich warten und nach monatelanger Vorbereitung sitzen nun Vertreter*nnen der Gärten Rote Beete, Wilde 17, Ton Steine Gärten, Prinzessinnen Garten Kollektiv, KubiZ Garten, Kiezgarten Schliemannstrasse und Allmende Kontor im Alter von 25 bis 70 Jahren im Zug, um ihre Pariser Kolleg*innen zu treffen. Für sie ist es eine Art „Klassenfahrt“. Sie belächeln die Erfahrung des gemeinsamen Reisens, freuen sich aber mindestens genauso sehr darauf! Die meisten sind zutiefst dankbar für diese „einmalige Chance“ einer für sie organisierten Reise, für normale, aber leidenschaftliche Bürger*innen, die sich seit langem ehrenamtlich engagieren und keine Gegenleistung erwarten, außer aber, dass ihre Projekte wachsen und blühen und vor allem, angesichts der Veränderungen in der Metropole Berlin, bestehen bleiben.
Auf dem Programm standen also der Besuch von sechs (der 150) Gemeinschaftsgärten, die sich größtenteils im 18., 19. und 20. Arrondissement befinden, Präsentationen (von Gärtner/in zu Gärtner/in) der Strukturen, in denen die Gärten angesiedelt sind, die ausgewählt wurden, um die ebenso unterschiedlichen wie relevanten Situationen, die Soziologien der Viertel zu veranschaulichen, Begegnungen mit lokalen Politikern, die Begegnung mit der Pariser Verwaltung, die für das Programm „Main Verte“ (Grüner Daumen) zuständig ist, die Entdeckung des Netzwerks von Graine de Jardins, eine deutsch-französische Debatte über die Herausforderungen des urbanen Gärtnerns, gutes Essen, selbstorganisierte Picknicks, ein partizipativer Mosaik-Workshop, der Bau von Sozialwohnungen für Wildbienen, gesellige Aperitive. Schöne Gelegenheiten, um ein Maximum an Fragen, Inspirationen, Bildern und generell Wertschätzung zu sammeln, die in beide Richtungen gehen, aber auch für die Pariser Gärten, die ebenfalls eingeladen sind, diese Gelegenheit zu nutzen, um sich gegenseitig zu besuchen und die lokalen Beziehungen zu festigen, etwas, das nicht immer selbstverständlich ist, wenn man in seine eigenen Problematiken und seine wöchentlichen Aktivitäten als Stadtgärtnerverein vertieft ist: in diesem Punkt kämpfen Paris-Berlin auf gleiche Weise! Dies ist übrigens einer der Punkte, der die Berliner Teilnehmenden am meisten beeindruckt zu haben scheint: sich bewusst zu werden, dass die Aktionen auf der Grundlage eines geschlosseneren Berliner Netzwerks getragen werden sollten. Sich daran zu erinnern, dass es andere Initiativen gibt, die uns ähneln, und dass die Diskussion mit ihnen Mut macht und ermöglicht, die Probleme auf pluralistische und somit umfassendere Weise zu verstehen und so zu versuchen, wie eine Gewerkschaft Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Interkulturalität in all dem? Ein Gedanke, den wir hier gerne teilen möchten und der sich immer wieder bestätigt, ist, dass man sehr oft erst dann Klarheit über die eigene Situation erlangt und Abstand gewinnen kann, wenn man von zu Hause weggeht und seine Realität hinter sich lässt. Dies geschieht auch durch die Begegnung mit dem/der Anderen, sei es auf der anderen Seite der Grenze oder im Bezirk nebenan, die es uns ermöglicht, uns unserer Selbst bewusst zu werden, zu erkennen, was uns zu dem/der macht, der/die wir sind, und zwar sowohl durch einen positiven Vergleich („aha, im Vergleich zu ihnen sind wir gar nicht so schlecht, Ich hätte das nicht gedacht“), als auch durch die Stolpersteine, die wir überwinden müssen („Das ist ja interessant, dass sie das so geregelt haben, wie kommt es, dass wir es uns so schwer gemacht haben“).

Hier ist eine der vielen Erkenntnisse, die wir aus diesem Austausch gezogen haben: Ein starkes Netzwerk zwischen den Gärten und auch zwischen den Vereinen auf lokaler Ebene sind der Schlüssel zur Widerstandsfähigkeit der Gärten. Allein können die Gärten nicht auf alle Herausforderungen reagieren, denen sie sich stellen müssen (Umwelt, Soziales, Humanressourcen), angefangen bei dem Umgang mit der Stadtpolitik, die die Grundlage für ihr Dasein ist, einer Existenz in Frieden.
Auch haben die Berliner Gärten dank des Vortrags von Karina Prévost (Leiterin der Abteilung Urban Gardening) und des Besuch des Maison du Jardinage (Parc de Bercy) sowie der Vorstellung des Vereins Graine de Jardins durch Laurence Baudelet, der 2001 gegründet wurde und Pionierarbeit bei der Entwicklung des Programms „Main Verte“ (2003) geleistet hat, wertvolle Informationen erhalten. Das Programm „Main Verte“ ist eine zwischen der Zivilgesellschaft und den Stadtverwaltungen entwickelte Stadtpolitik, die es letzteren ermöglicht, Grundstücke und Ressourcen für Gartenvereine zur Verfügung zu stellen, die sich verpflichten, einem standardisierten und in der Summe eher flexiblen und weit gefassten Pflichtenheft zu entsprechen. Zum Vergleich: Der Berliner Senat hat 2020 eine Reflexionsgruppe ins Leben gerufen, die ein ähnliches „Gemeinschaftsgartenprogramm“ erarbeiten soll, um die Entwicklung von Gärten zu fördern sowie die bereits (seit manchmal mehr als 20 Jahren!) Bestehenden zu sichern. Dieser Gesetzesentwurf befindet sich derzeit, 2022, in der Konsultation des Senats.
Paris, eine der am dichtesten besiedelten und bebauten Städte Europas, ist in dieser Hinsicht 20 Jahre weiter als Berlin – unglaublich. Eine Stadt/Ein Paris, das seinerseits erlebt hat, wie Gärten; die meist von Aktivisten*innen getragen werden, die sich für eine grünere Stadt einsetzen, aber vor allem brachliegende und verlassene Flächen besetzen wollen, um dort soziale Experimente durchzuführen; überall ohne jegliche institutionelle Unterstützung aufblühen und daher ständig in ihrer Existenz bedroht sind, da sich die Stadt in rasantem Tempo verändert und immer dichter wird.
Was wünschen wir uns als Lebensraum Stadt? Welche Stadt werden wir unseren Kindern hinterlassen? Wie können wir den sozialen Zusammenhalt in den Stadtvierteln fördern und den Jüngsten ein vernünftiges Umweltbewusstsein vermitteln? Wer gestaltet den öffentlichen Raum und macht ihn lebenswert und für alle zugänglich? Dies sind die Fragen, die von der Stadtpolitik gestellt werden können und müssen, wobei den aktivistischen Bewegungen, die die Projekte der Gemeinschaftsgärten tragen, ein gewisser Spielraum und Authentizität gelassen werden muss!
Dies sind auch die Fragen, die wir uns unter anderem in dieser Woche gemeinsam mit den Pariser*innen gestellt haben und die wir vom 29. September bis zum 4. Oktober bei ihrem Besuch in Berlin vertiefen werden!

Unsere Antwort lautet also: Es ist von Vorteil und sogar wünschenswert, dass auch die Zivilgesellschaft die Möglichkeit hat, zu reisen und sich zu treffen, sich auszutauschen und ihren Fokus zu erweitern, um ihre Arbeit zu verankern und zu vertiefen. Die Kombination aus lokalen Projekten, die von internationalen Projekten unterstützt werden, und internationalen Projekten, die für lokale Projekte entwickelt wurden, hat ein enormes Potenzial, das so weit wie möglich getragen werden muss, damit möglichst viele Menschen davon profitieren können!

Das gesamte Projekt wird in einem Dokumentarfilm der Anthropologin Violeta Ramirez dokumentiert, der über unseren Austausch und die besuchten Gärten und ihre Geschichten berichtet.

Wir danken dem Deutsch-Französischen Bürgerfonds und dem Edible Cities Network Berlin für die finanzielle Unterstützung, ohne die dieses Projekt nicht möglich wäre, sowie den Städten Paris und Berlin für ihre Beteiligung an der Umsetzung des Projekts und natürlich unseren Freund*innen in den Gemeinschaftsgärten auf der ganzen Welt! Gemeinsam sind wir die Architekt*innen und Akteur*innen von sozialen, ökologischen, pädagogischen, nährenden und vielen weiteren Experimentierfeldern! Wir danken auch dem Land Berlin für die finanzielle Unterstützung.

 

Alexandre Bocage, Projektbeauftragter für internationale Projekte und lokale Entwicklung im Centre Français de Berlin gGmbH

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